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17.11.2015

"Jetzt führe ich ein ausgefülltes Leben"

 

Die 8-jährige Dominika Zhurkina aus Russland kam mit nur einer Herzkammer auf die Welt. Rasch war klar, dass das Mädchen ohne medizinischen Eingriff nicht überleben würde.

Bereits im Alter von sieben Monaten wurde Dominika in einem Moskauer Spital zum ersten Mal am Herzen operiert. Dominika überstand die Operation gut, wurde jährlich in Moskau untersucht, führte ein normales Leben. Doch dann begannen die Probleme. Ihre Mutter erzählt:
 
"Nach der ersten Operation ging es ihr gut. Zu Beginn führte Dominikas Zustand zu keinen grösseren Einschränkungen ihres Lebensstandards. Für ziemlich lange Zeit lebte sie ganz normal. Aber nach ihrem fünften Geburstag begannen die Probleme. Wenn wir einkaufen gingen und ich ihre Hand hielt, sagte sie bereits nach etwa hundert Metern: 'Mama, ich brauche eine Pause, ich bin müde.' Sie konnte kaum mehr gehen, geschweige denn laufen. Sie konnte nicht mal mehr die Stufen bis zu unserer Wohnung im zweiten Stock raufgehen, ohne eine Pause einzulegen."

Herzklappe, die sich im Körper des Kindes entwickelt

Doch Dominika hatte Glück im Unglück, denn das Mädchen wurde in eine klinische Studie aufgenommen und heute ist sie weltweit die erste Patientin, die mit einer völlig neuartigen Art von Blutgefäss behandelt wurde. Das wichtigste Merkmal dieses speziellen Implantats besteht darin, dass es Schritt für Schritt durch das umliegende, körpereigene Gewebe ersetzt wird. Es entwickelt sich mit der Zeit in eine funktionierende, natürliche Herzklappe. Das künstliche Implantat ist so aufgebaut, dass es am Ende vollständig vom Körper abgebaut wird, was das Risiko für Komplikationen, etwa Entzündungen oder wiederholte Operationen, senkt.

Dass ihre Tochter die erste Teilnehmerin dieser klinischen Studie werden sollte, war reiner Zufall, so Dominikas Mutter.
 
"Als Dominika sechs Jahre alt war, gingen wir zu ihrem vereinbarten Check-up im Bakoulev Zentrum in Moskau. Die Ärzte erzählten uns, dass sie bereit sei für die nächste Operation. Der Kardiologe ergänzte dann, dass die Operation von Professor Leo Bokeria durchgeführt werden würde, einem weltbekannten Herzchirurgen und Direktor des Zentrums. Wir sollten alles bereit machen und in zwei Tagen im Spital erscheinen. Es war also reiner Zufall. Danach erschienen wir gar am Fernsehen."

Den Behandlungsstandart verbessern

Heute werden fehlende Herzklappen bei Patienten meist mit Hilfe von Kunststoff-Implantaten oder Geweben tierischen Ursprungs ersetzt. Diese Techniken retten Leben, haben aber verschiedene Nachteile wie mögliche Abstossungsreaktionen, Gefässverengungen, Verkalkungen und chronische Infektionen. Ausserdem wachsen diese Implantate nicht mit dem Patienten mit, da es sich um totes Material handelt. Folglich müssen Kinder immer wieder gefährliche Operationen über sich ergehen lassen und benötigen häufig ein Leben lang Medikamente.

All dies könnte Dominika erspart bleiben – wenn sich weiterhin alles wie gewünscht entwickelt. Jedoch wird sich dies erst in einigen Jahren belegen lassen. Seit der Operation im Oktober 2013 werden alle drei Monate Kontrolluntersuchungen durchgeführt. 

"Dominika fühlt sich gut: Sie kann draussen alleine umhergehen oder auch mit den anderen Kindern rennen. Sie muss auch nicht mehr anhalten, wenn wir gemeinsam einkaufen gehen. Sie rennt nicht so schnell wie die anderen, aber sie kann Fangen spielen mit den anderen Kindern. Sie unterscheidet sich kaum von den anderen Kindern, einzig am Turnunterricht nimmt sie nicht teil."
Und vor allem Dominika freut sich über den erfolgreichen Eingriff:

«Früher bin ich immer zu Hause geblieben. Ich konnte nicht in den Kindergarten, meine Eltern wollten mich beschützen bis zur nächsten Operation. Sie hatten Angst, dass ich krank werde. Meine Grossmutter und meine Mutter blieben bei mir. Jetzt habe ich ein ausgefülltes Leben. Meine Eltern können zur Arbeit gehen. Und ich bereite mich auf die Schule vor. Alles geht wirklich gut.»
Die neue Technik wurde von der Firma Xeltis mit Sitz in Zürich und Eindhoven mitentwickelt. Die Firma hat im Rahmen der weltweit ersten klinischen Machbarkeitsstudie insgesamt fünf Kinder mit einer angeborenen Herzfehlbildung erfolgreich behandelt – Dominika ist eines davon. Jährlich sind etwa 80 000 Kinder von solchen Fehlbildungen betroffen.

Den körpereigenen Heilungsprozess antreiben

Die Technologie von Xeltis, endogene Gewebewiederherstellung (Endogenous Tissue Restoration (ETR)) genannt, basiert auf einer mit einem Nobelpreis ausgezeichneten Technologie, der supramolekularen Chemie, wie auch auf führenden Forschungsarbeiten in den Bereichen Materialwissenschaften, Biomechanik und Mikrostrukturen von Teams der Technischen Universität in Eindhoven. In diesem Verfahren implantieren Chirurgen eine neue Herzklappe oder ein Blutgefäss aus speziellem Material (Polymer), angefertigt als poröse Matrix, die den natürlichen Genesungsprozess des Körpers dazu bringt, es in natürliches Gewebe umzuformen. Während die natürliche Herzklappe und das natürliche Blutgefäss entstehen, löst sich die implantierte Matrix auf, was das Risiko für Komplikationen reduziert. Im Allgemeinen kann fremdes Material im Körper zu Komplikationen führen, etwa zu wiederholten Operationen. Die neue Therapie soll im Vergleich zu herkömmlichen Therapien diese Nebenwirkungen reduzieren und auch die Gesundheitskosten senken.

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